Ursprung des Menschen

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Ursprung des Menschen

Abgeschickt von Heinz am 23.03.2016 19:26
Anmerkung zur RF-Korrespondenz: „Der Ursprung des Menschen“

In ihr wird angekündigt aufzuweisen, welche „neuen Erkenntnisse es dazu gibt“.

Letztlich aber bemüht sich der Korrespondent hauptsächlich darum zu zeigen, wie falsch und schädlich die Out-of-Africa-Hypothese sei. Er stellt ihr das leicht angestaubte Konzept einer multiregionalen Entwicklung entgegen (das übrigens schon in embryonaler Form bei Kant auftaucht). Dabei beruft er sich auf Franz Weidenreich, einen Anthropologen, der ab etwa 1935 anhand des Peking-Menschen eine Theorie multipler menschlicher Evolution entwickelte. Zur Stütze hierfür diente ihm die Anatomie als Leitfaden.

Gegenwärtige Multiregionalisten wie Wolpoff und Thorne nehmen zwar den Ursprung des Vormenschen in Afrika an; die Entwicklung moderner Formen jedoch verlagern sie in verschiedene Regionen. Somit kommen sie zu einer Art retardierter Polygenese. Weidenreich stellte z. B. den Peking-Menschen als Stammvater einer chinesischen Population heraus. Aktuelle Untersuchungen widerlegten dies; es ergaben sich keine Analogien. Er hielt damit an einer Doktrin regionaler Kontinuität fest. Die aber widerspricht fundamental der Annahme ständiger Vermischung differenter Gruppen, die auch der Korrespondent bevorzugt.

In der Out-of-Africa-Hypothese taucht ein solches Dilemma nicht auf. Hier stehen Morphologie und Genetik gleichberechtigt nebeneinander. Vor allem wird sie untermauert von der engen Verwandtschaft aller Populationen: die genetische Distanz der heutigen Menschen erreicht (nach Cavalli-Sforza) einen Maximalwert von gerade einmal 0,030.

Über die Mutationsrate der mitochondrialen DNA unter Voraussetzung ihrer Konstanz gelangt man zu einer Art molekularer Uhr. Sie bildet einen Index der genetischen Distanz. Daraus lässt sich ein Stammbaum entwickeln. Er spricht klar für eine monogenetische Entwicklung, kann jedoch ihre räumliche Ausgangslage nicht fixieren. Die muss deshalb durch die Fossilienfundorte ermittelt werden. Bisher spricht alles dafür, dass sich die urtümlichen und modernen Menschen in Afrika bildeten und in Wellen über die übrige Welt zogen.

Der Korrespondent versucht, mit dem Neandertaler einen Keil in die Monogenese zu treiben. Genetik, bisher für ihn tabu, soll seine These negativ begründen. Denn lange blieb das Neandertaler-Erbgut unerforscht. „Das Rätsel, was mit dem Neandertal-Menschen in Europa geschah“ sucht nach „einer Lösung“, schrieb Weidenreich 1943. Inzwischen wurde das Genom entschlüsselt - das Mysterium verschwand. Es erwies sich, dass zwischen dem Neandertaler und dem modernen Menschen ein gewisser Genfluss bestand.

Der monogenetischen Grundauffassung schadet dies keineswegs; aber es bricht gewisse Verhärtungen auf. Bereits in Afrika selbst vermischte sich ja der moderne Mensch teilweise mit archaischen Formen.

Gruß
Heinz

Re: Ursprung des Menschen

Abgeschickt von Heinz am 24.03.2016 23:59
Die Vatikanverschwörung in der RF-Korrespondenz: Ursprung des Menschen

Es steht dort geschrieben: „In den folgenden Jahren wurde die ‘Out-of-Africa’-Theorie entwickelt ... Darauf einigten sich im Mai 1982 in einer nichtöffentlichen Konferenz im Vatikan führende Urgeschichtsforscher in einem ‘prähistorischen Kompromiss’.“

Nun die Fakten: Die Beratung fand in Rom statt, angeregt durch Carlos Chagar, dem Präsidenten der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften. Er lud dazu einige Paläontologen und Molekularbiologen ein, darunter Yves Coppens.

Dieser berichtet darüber anekdotisch (s. Spektrum der Wissenschaft 12/1994) und umschrieb mit dem ‘prähistorischen Kompromiss’ ironisch ein Randereignis. Beim Streit um das erstmalige Auftreten von Hominiden lag man weit auseinander. Die Schätzungen schwankten zwischen 3 und 15 Mio. Jahren. Die Experten verständigten sich dann auf siebeneinhalb Mio. Darin bestand der ganze witzig gemeinte ‘prähistorische Kompromiss’.

Dieser Punkt betraf zudem nicht den Homo sapiens, sondern die Hominiden. Doch das schert unseren Korrespondenten wenig. Er bastelt daraus mit viel Chuzpe eine veritable Vatikanverschwörung im Dienste der Out of Africa“-Hypothese.

Und es geht unbekümmert weiter so. Denn er weiß natürlich auch nicht, dass Coppens seit den 80er Jahren in der Ursprungsfrage einen multiregionalen Standpunkt bezogen hat. Ihn brachte der Paläontologe selbst auf den Begriff einer „Kontinuitätstheorie mit Artenkreuzung“ (s. franz. Wikipedia, Artikel Yves Coppens).

Aus dieser Unkenntnis heraus verortet der Korrespondent den Konferenzteilnehmer im völlig falschen Lager. Er ernennt ihn, der ideologischen Zweckmäßigkeit halber, zum vatikanischen Out of Africa-Agenten. Dergestalt mutiert Coppens nolens volens und schlüpft dabei in die Haut eines finsteren Verschwörers, der erbarmungslos den Dolch gegen seine eigene multiregionale Wissenschaftsbrut zückt.

So fühlt sich kompromisslos echtes Kino an.

Gruß
Heinz

Re: Ursprung des Menschen

Abgeschickt von Reiner am 26.04.2016 16:26
Antwort auf Beitrag von Heinz vom 23.3.16

Lieber Heinz,

Herzlichen Dank für deinen Forum-Beitrag vom 23.3.16, vom dem ich am 15.4.16 erfahren habe.

In beiden RF-Artikeln entwickle ich eine dialektisch-materialistische Sicht der Evolution des Menschen und kritisiere die gängige bürgerliche „Out-of-Africa“-Theorie, die du favorisierst. Franz Weidenreich wird von dir zu Unrecht kritisiert, weil er angeblich an der „Doktrin der regionalen Kontinuität“ festhielt statt der „Annahme ständiger Vermischung differenter Gruppen“ zu folgen. Weidenreich ging aber von einem einheitlichen Prozess der vertikalen Differenzierung (von frühen zu entwickelten Phasen) und einer horizontalen Differenzierung (verschiedene geographische Menschen-Gruppen) aus. Dieser weltweit verbundene evolutionäre Prozess, bei dem „interbreedings“ (Vermischungen) für Weidenreich grundlegend sind, kann sich an verschiedenen Orten beschleunigen, während er an anderen Orten stagniert (American Anthropologist, 2/1947).

Im nächsten Abschnitt stellst du die Behauptung auf, dass die „Out-of-Africa-Hypothese“ kein solches „Dilemma“ habe. Das Gegenteil ist der Fall. Die ursprüngliche „Out-of-Africa“-Theorie fußt (vereinfacht gesagt) u.a. auf einem 1987 veröffentlichten Computer-Modell von Cann u.a., in der die Forscher 136 mitochondriale DNA-Stränge statistisch so aufbereiteten, dass sie die „Ur-Eva“ in Afrika beheimaten konnten.1 Maddison kritisierte 1991 dieses Vorgehen als falsch, weil er unter Benutzung desselben Computerprogramms zu ganz anderen Ergebnissen kam. Er fand 10.000 andere Ergebnisse, die statistisch glaubwürdiger waren als das von Cann u.a.2 Auch die von dir zitierte „genetische Uhr“ ist wenig hilfreich. Ann Gibbons hat 1998 die von Cann u.a. benutzte genetischen Uhr ebenfalls eingesetzt und herausgefunden, dass die afrikanische „Ur-Eva“ nicht vor 200.000 Jahren, sondern nur vor 6.000 Jahren gelebt hat.3 Für den bekannten Paläo-Genetiker David Reich ist die bei der Berechnung der „genetischen Uhr“ zentrale Frage der Mutationsgeschwindigkeit „noch gänzlich offen“ (spektrum der wissenschaft, news, 21.09.12). Daher ist deine These, die „monogenetische Entwicklung“ spreche „klar“ für Afrika, nicht stichhaltig.

Auch die archäologische Beweisführung entwickelt sich seit Jahren für die „Out-of-Africa“-Verfechter zu einem Waterloo. Kein einziger archäologischer Beweis konnte angetreten werden, dass in Eurasien ältere Spezies durch die sich in Wellen ausbreitende afrikanische Super-Spezies des modernen Menschen ausgelöscht wurden. Ernüchtert erklärte Jean-Jacques Hublin, Direktor am Leipziger Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie, 2014 auf einer Tagung im spanischen Sitges: „Unsere Überzeugung, dass es eine Wiege der Menschheit in Süd- oder Ostafrika gab, ist ein Hirngespinst“. Sein Vorschlag ist nun, dass „sich der Homo sapiens in weiten Teilen Afrikas zugleich entwickelt“ habe (Zeit online, 16.04.14). Damit spricht er fast wörtlich aus, was ich als polyzentrische Entwicklung zum modernen Menschen im RF-Artikel ebenfalls vorgeschlagen hatte – aber eben unter Einbeziehung von Eurasien. Grundlegend für meine Auffassung ist, dass tropische Verhältnisse, die entscheidend für die Menschwerdung waren, vor 3 Millionen Jahren in einem weiten Gürtel von Afrika bis nach Eurasien vorgeherrscht haben. Menschen und Tiere zogen hin und her, zeitweise verlandeten Meerengen. Robin Dennell und Wil Roebroeks stellten daher schon 2005 die Frage, ob es nicht bereits zu dieser Zeit einen eurasischen Vormenschen (Australopithecus) gegeben hat.4 Der Forscher Bence Viola kritisiert, dass die bisherigen Ausgrabungen sich „fast ausschließlich auf Westeuropa, Afrika und den Nahen Osten“ konzentrieren. Prof. Friedemann Schrenk spricht sogar von einem „Eurozentrismus“, der wissenschaftshistorische Ursachen habe. Er fährt fort: „In anderen Regionen der Erde sind die geographischen Varianten früher Menschen oft einfach noch nicht entdeckt, oder sie haben keinen Namen bekommen“ (Süddeutsche Zeitung, 25.03.2010). Keine Spur also davon, dass „alles dafür spricht“, dass sich „die urtümlichen und modernen Menschen in Afrika bildeten“, wie du behauptest.

Zum Schluss möchte ich dich noch auf folgenden Punkt hinweisen. Weidenreich schrieb 1943, so dein Zitat, dass „das Rätsel, was mit den Neandertal-Menschen in Europa geschah, nach einer Lösung sucht“. Mit der Genomentschlüsselung und dem Nachweis des Genfluss' zwischen modernen Menschen und Neandertalern 2010 durch Pääbos Team sei das Weidenreich'sche Mysterium verschwunden. In Wirklichkeit scheiterte mit dem Nachweis von Pääbo 2010 die alte „Out-of-Africa“-Theorie, die ständig und überall behauptet hatte, es habe keine Vermischung zwischen modernen Menschen und Neandertalern geben können. Durch Weglassung des nächsten Satzes unterschlägst du die fortschrittliche Position, die Weidenreich zum Neandertaler bezieht: „Jedoch kann in keinem Fall die Fähigkeit (des Neandertalers, Anm.) geleugnet werden, sich zum modernen Menschen zu entwickeln“ (American Anthropologist, Vol. 45, 1943). Im Gegensatz dazu stellen bis heute die „Out-of-Africa“-Vertreter den Neandertaler als minderwertig gegenüber dem modernen Menschen dar. Das geht bis zum versteckten oder offenen Rassismus, wie in der aktuellen Mai-Titelstory von „bild der wissenschaft“.

Herzliche Grüße
Reiner

1 Cann u.a.: Mitochondrial DNA and human evolution, Nature, Vol. 325 (1987)
2 Maddison: African origin on human MtDNA re-examined, Systematic Zoology, Vol. 40 (1991)
3 Gibbons: Calibrating the mitochondrial clock, Science, Vol. 279 (1998)
4 Dennell/Roebroeks: An Asian perspective on early human dispersal from Africa, Nature, 22.12.2005

Re: Ursprung des Menschen

Abgeschickt von Reiner am 26.04.2016 16:27
Antwort auf Beitrag von Heinz vom 25.3.16

Lieber Heinz,

Du nennst den „prähistorischen Kompromiss“ von Rom 1982 ein „Randereignis“, das der Autor Yves Coppens nur „anekdotisch“ erwähnte und „ironisch“ gemeint habe. Dieser Einschätzung kann ich nicht folgen. Die Tagung im Vatikan wird nicht nur „anekdotisch“ gestreift, sondern von Coppens in einem eigenen Abschnitt mit der Überschrift „Der römische Kompromiß“ ausführlich behandelt. Gleich der erste Satz des Abschnitts zeigt, dass die Vatikan-Tagung kein „Randereignis“ war, sondern wissenschaftstheoretische Weichen für die nächsten Jahre stellte: „Die Veranstaltung war nicht öffentlich, beeinflußte das Verständnis der Menschwerdung aber enorm“ (Spektrum der Wissenschaft, 12/1994). Die Ausgangslage war, dass von den 1960er bis zu den frühen 1980er Jahren die Fachwelt der Meinung war, dass der Ursprung des Menschen in Asien zu suchen sei (Coppens im Interview mit dem Wissenschaftsmagazin „La Recherche“, 2/2003). Sie stützte sich auf den ersten vermeintlich asiatischen Hominiden, den Ramapithecus. Auf der Vatikan-Tagung legten D. Pilbeam und J.Lowenstein erstmals überzeugend dar, dass er nicht ein früher Vorfahr des Menschen, sondern ein Verwandter des Orang-Utans war. Coppens hält dazu fest: „Mit dieser Zuordnung ließ sich das Puzzle der übrigen Primaten-Fossilien in ein recht schlüssiges Bild bringen. Demnach ist tatsächlich Afrika der alleinige Ursprungskontinent des Menschen, wie die Molekularbiologen schon seit längerem vermutet hatten“ (Spektrum der Wissenschaft, 12/1994). Als weiteren Bestandteil des „prähistorischen Kompromiß'“ nennt Coppens die auch von dir erwähnte Einigung der Experten-Runde, dass vor etwa 7,5 Millionen Jahren die ersten Hominiden aufgetreten sind. Das wird auch heute noch so gesehen. Was uns Coppens in dem „Spektrum“-Artikel allerdings nicht verrät, sondern in dem oben genannten Interview mit „La Recherche“, ist ein anderer Vorgang dieser bedeutenden Archäologen-Tagung: die Vorträge von Pilbeam und Lowenstein ließen nach Coppens den asiatischen Ursprung des Menschen „zusammenbrechen“. Coppens konzipierte daraufhin über Nacht die „East Side Story“ (den Namen erschuf er erst 1984) und trug sie am folgenden Tag der Konferenz vor. Sie besagt, dass aufgrund besonderer tektonischen Veränderungen und ihrer Folgen im ostafrikanischen Grabenbruch die vorhandene fortgeschrittene Affenlinie sich in zwei Gruppen teilte. Aus einer der beiden Gruppen entwickelten sich später die Vormenschen und schließlich der Mensch, der die Welt immer wieder entsprechend seiner Entwicklungsstufe (angeblich) kolonialisierte. Mit all diesen Bestandteilen des „prähistorischen Kompromisses“ kann man sehr wohl davon sprechen, dass hier in Rom eine neue Theorie der Evolution des Menschen aus Afrika mit aus der Taufe gehoben wurde. Dass der Vatikan an einer solchen Theorie ein großes Interesse hatte, ist keine „veritable Vatikanverschwörung“, sondern liegt auf der Hand: sie lässt sich versöhnen mit dem einmaligen Schöpfungsakt des Menschen durch Gott und der Existenz der Kirche.
Die „East Side Story“ von Coppens hatte immerhin zwanzig Jahre Bestand und war ein grundlegender Bestandteil der „Out-of-Africa“-Theorie. Sie brach 2002 zusammen, als Michel Brunet und sein Team den ca. 7 Millionen Jahre alten Schädelfund des „Toumai“ im Tschad veröffentlichten. Es war damit bewiesen, dass die humanoide Evolution nicht nur in Ostafrika, sondern auch im damals ähnlich strukturierten tropischen Tschad stattfand. Freimütig räumte Coppens im „Recherche“-Interview ein: „Die East Side Story existiert nicht mehr“. Diese Entdeckung war zugleich eine wichtige praktische Kritik an der „Out-of-Africa“-Theorie.
Noch ein Letztes zu deiner These, dass Coppens „seit den 80er Jahren in der Ursprungsfrage einen multiregionalen Standpunkt bezogen“ habe. Das war für den RF-Artikel nicht wichtig, deshalb habe ich es nicht behandelt. Aber ich sage es mal so: wenn die Anhänger der traditionellen „Out-of-Africa“-Theorie nach den bahnbrechenden Tschad- und Südafrika-Funden sowie den Erkenntnissen der Paläogenetik 2010ff. zur fortlaufenden Vermischung der älteren und neueren Menschenformen an ihrem ostafrikanischen „Auslaufmodell“ weiter festgehalten hätten, wären Coppens & Co. vollständig unglaubwürdig geworden (ich hatte vom Gejammer des Prof. Hublin auf der Tagung in Sitges 2014 im 1. Teil meiner Antwort an dich berichtet). Daher musste sich die aktuelle „Out-of-Africa-2“-Theorie tatsächlich insofern an die Multiregionalisten (nicht an Weidenreich!) annähern und geht nun nach den Auswanderungen aus Afrika von einer Vermischung („Hybridisierung“) mit einheimischen Populationen aus (z.B. Coppens in einem Aufsatz in „Le Monde diplomatique“, Oktober 2015). Die entscheidenden Evolutionen und Migrationen erfolgen aber weiterhin nur aus Afrika und an der (meist) sehr abschätzigen Beurteilung des Neandertalers wird festgehalten. Angekündigt ist eine Ausweitung der Ausgrabungen auf den ganzen afrikanischen Kontinent, nicht aber die längst überfällige Intensivierung der Ausgrabungen in Eurasien außerhalb Europas.

Herzliche Grüße
Reiner

Re: Ursprung des Menschen

Abgeschickt von Heinz am 05.05.2016 17:06
Zu Reiners Ergänzungen der RF-Korrespondenz

Zwei Hypothesen, die multi- und die monozentristische, prallen in unseren Stellungnahmen aufeinander. Welche verdient den Vorzug?

A. Die multiregionale These (MT) geht davon aus, dass die heutigen menschlichen Populationen vor weit über einer Million von Jahren nicht allein in Afrika, sondern auch in anderen Erdteilen entstanden seien. Fossilfunde bewiesen dies. Weidenreich glaubte schon in früheren Phasen eine „weltweite Verteilung“ ausmachen zu können, “... die in mehr fortgeschrittene Typen durch vertikale Differenzierung überging, während sie sich in geografische Gruppen durch horizontale Differenzierung aufteilten.“ Nach Wolpoff bildete sich der heutige Mensch durch Selektion, Genfluss und -drift heraus.

B. Die Out of Africa-Theorie (AT) hingegen nimmt an, der Homo sapiens hätte sich vor rund 200000 Jahren als besondere Art in Afrika entwickelt. Von dort breitete er sich auf die anderen Kontinente aus und ersetzte den Homo erectus und die archaischen Menschentypen. Die frühen modernen Populationen vermischten sich nicht nur untereinander, sondern es kam auch zu einem sehr geringen Genfluss mit z. B. Denisova- oder Neandertal-Menschen.

Wenn der moderne Mensch diese hohe Übereinstimmung besitzt, die Genetiker feststellen und die auch Wolpoff nicht leugnen kann, dann wird es für die MT schwierig zu erklären, wie eine Parallelevolution von Homo erectus überall so zielgerichtet, so passgenau zum gegenwärtigen Menschentypus verlief.

Die Vermischungen müssten hochfrequent verlaufen und andauernde Wanderbewegungen über Kontinente hinweg die Regel gewesen sein, um das evolutive Ergebnis zu erreichen. Dabei geht die MT auf Gegenkurs zu ihrer Behauptung, die fossilen Eigenheiten in verschiedenen Gebieten leiteten sich von der Annahme einer Artenkonstanz ab. Hier drängt sich der Gedanke einer der Entwicklung innewohnenden Teleologie auf.

Während in Afrika Übergangsformen vom Homo erectus zum archaischen Menschen und zum Homo sapiens gefunden wurden (z. B. der Bode-Hominine aus Äthiopien), fehlen Nachweise für weitere Kontinente vollständig. Ohne stoffliche Basis kann die Morphologie jedoch nicht arbeiten. Eine schwierige Lage für eine Forschungsrichtung, deren methodisches Leitbild in der Anatomie liegt.

Nach 1960 traten erstmals Molekulargenetiker auf die vorgeschichtliche Bühne (etwa bei der Diskussion um den Ramapithecus). Ab Mitte der achtziger Jahre wurden in der Paläoanthropologie Schlussfolgerungen aus den Erfahrungen mit der mitochondrialen DNA der Öffentlichkeit vorgestellt. Damit führte die Genetik effektive Produktionsmittel in eine Wissenschaft ein, die bislang die Fossilien- und Artefaktfunde lediglich auf ihre Gestalt bzw. ihren Gebrauch hin untersuchen und einordnen konnte. Mithin trug sie stark subjektive Züge. Das zog teils empiristische, teils idealistische Überinterpretationen nach sich.

Reiners Eigenlob, er „entwickle ... eine dialektisch-materialistische Sicht der Evolution des Menschen“, löscht sich selbst aus, wenn er neue theoretische Produktionsmittel verneint. Qualifiziert er die AT pauschal als „bürgerlich“ ab, dann zeigt dies nur, dass er rein subjektiv an diese Wissenschaftspraxis herangeht, ohne die spezifischen Produktionsbedingungen und ihre relative Unabhängigkeit zu beachten. In Hegelscher Manier sieht er diese Wissenschaft lediglich als Ausfluss einer Totalität. Wie entzieht sich denn die MT dieser bürgerlichen Überformung? Gründe führt er nicht auf. Reiner wählt in einer existenzialistischen Entscheidung eben die für ihn ‘gute’ Alternative und verbrämt dies markig.

Die Bedeutung der Genetik erschloss sich vor allem mit der Eva-Hypothese. Sie war hervorgegangen aus Studien zur mitochondrialen und der Kern-DNA. Auf zwei Pfeiler stützt sie sich: Zum Ersten führt sie mit dem Evolutionsmuster der mtDNA zu einer Vorfahrin; zum Zweiten lebte diese gemäß der molekularen Uhr vor etwa 200000 Jahren. Das bedeutet aber keineswegs, dass diese plakativ ‘Eva’ genannte Frau zusammen mit einem ‘Adam’ die ersten und einzigen Menschen gewesen seien. In Wirklichkeit gab es eine ganze Population von ihnen oder gar mehrere Gruppen. Außerdem besaßen sie Vorfahren. Diese Frau verkörpert die Schnittstelle, an der alle heutigen Typen von mtDNA zusammenlaufen. Das Ergebnis befindet in keinerlei Nähe zu irgendeinem religiösen Schöpfungsmythos und hat auch keinen Ursprung im Vatikan.

Damit führt die Genetik (die noch mit vielen weiteren Forschungsergebnissen aufwartet) ein beweiskräftiges Argument für die AT ins Feld. Im Gegensatz zum Vorgehen in der Morphologie, das mit zahlreichen subjektiven Unwägbarkeiten belastet ist, basiert die Praxis der Molekulargenetik auf der Genomstruktur und ermöglicht empirisch wiederholbare Ergebnisse und hohe Informationswerte. Probleme treten in der Eichung auf, die noch genauer werden muss.

Allfällige Klärungen in der Paläoanthropologie sind auch insofern notwendig, als sie heuer in rechten Kreisen weiterhin eine wichtige Rolle spielt. Vor allem aber setzte sie in der Vergangenheit äußerst negative Bezugspunkte zur Rassentheorie, damit verbunden zu Kolonialismus und Imperialismus.

Gruß
Heinz

Re: Ursprung des Menschen

Abgeschickt von Reiner am 12.05.2016 19:20
Antwort auf Beitrag von Heinz (05.05.16) im „Sozialismus-Forum“

Lieber Heinz,

Es hat sich zwischen uns eine spannende Diskussion zum Ursprung des Menschen entwickelt. Das ist super.

Zunächst möchte ich wiederholen, dass ich keinen multiregionalen Ansatz vertrete, sondern einen polyzentrischen Ansatz. Der multiregionale Ansatz von Milford Wolpoff u.a. vertritt wie die „Out-of-Africa“-Theorie, dass Afrika der wiederholte Ursprung der Menschheit sei. Die polyzentrische Theorie geht aber von mehreren Zentren für den Ursprung des Menschen aus, wobei die migrierenden Homo-Arten ständig verwoben sind und sich kulturell und sexuell mehr oder weniger vermischen, so dass keine neue Gattung entstehen konnte.

Du behauptest, das kann gar nicht sein, weil dann die Menschwerdung „zielgerichtet“, „passgenau“, „hochfrequent“ in „andauernden Wanderbewegungen über Kontinente hinweg die Regel gewesen sein müsste“. Das ist exakt meine Auffassung, wobei ich „zielgerichtet“ nicht unterstütze, weil dies der orthogenetischen Sichtweise von Franz Weidenreich entspricht, die ich im RF-Artikel kritisiert habe. Am 2. Mai 2016 veröffentlichte „Nature“ zum Thema Menschwerdung eine detaillierte Untersuchung von über 60 bekannten Archäologen und Genetikern. Unter dem Titel „Die genetische Geschichte des eiszeitlichen Europa“ wiesen sie anhand der genetischen Untersuchung von 51 prähistorischen Europäern aus der Zeit von vor 45.000 bis 7.000 Jahren nach, dass es in der europäischen Urgeschichte wiederholt zu einem dramatischen Bevölkerungsaustausch und Migrationsprozessen gekommen ist. So sind die ersten modernen Menschen, die Europa einst besiedelten, keine direkten Vorfahren der heutigen Europäer. Der Neandertaler-Anteil in unserem Genom ging von ursprünglich 6 auf ca. 2 Prozent zurück. Ab 14.000 vor heute besteht eine enge Verwandtschaft mit den modernen Menschen aus dem Nahen Osten – man weiß aber noch nicht, ob durch Auswanderung in den Nahen Osten oder durch Einwanderung nach Europa. Diese mit modernsten Methoden durchgeführten Untersuchungen sind bisher in ihrer Breite und Komplexität einmalig. Sie werden fortgesetzt, hoffentlich auch auf größere Teile Eurasiens und Afrikas. Diese Untersuchung für die eurasische Teilregion Europa belegt sehr anschaulich meine These der Menschwerdung als komplexer, sich höher entwickelnder dialektischer Prozess.

Du meinst, dass es keine wissenschaftlichen Nachweise für die kontinuierliche Menschwerdung außerhalb Afrikas gebe. Lieber Heinz, es gibt viele solcher Nachweise. Ich habe in meinem zweiten Rote-Fahne-Artikel bereits einen Nachweis für Asien in Anmerkung 9 genannt. Die 2014 veröffentlichte Untersuchung der UNESCO „Human origin sites and the World Heritage Convention in Asia“ weist dies ebenfalls nach. 31 asiatische steinzeitliche Fundplätze werden dort diskutiert, ob sie in das Weltkulturerbe der Menschheit aufgenommen werden sollten. Prof. Nicolas Conard aus Tübingen schreibt in diesem Band zu seinem polyzentrischen Ansatz: „Wenn wir genauer auf die archäologischen Funde schauen, sehen wir, dass jeder Kontinent sein Mosaikbild der Evolution symbolischer Artefakte aufrecht erhält, das oft als modernes Verhalten bezeichnet wird. Trotz der Unterschiede in den Fundsituationen nehme ich an, dass die Verhaltenskomplexität und die Manipulation von Artefakten sehr verbreitet in der jüngeren ostasiatischen Steinzeit war. Eher als mir einen einzigen Ursprungspunkt für die Evolution des modernen symbolischen Verhaltens vorzustellen, … bevorzuge ich polyzentrische Modelle der Evolution des modernen menschlichen Verhaltens. Diese Ansicht weist aber das Modell zurück, dass die Evolution kultureller Verhaltensweisen auf der Manipulation von Symbolen begründet ist, die plötzlich auf einmal erschienen sind in der Art, wie man einen Lichtschalter anmacht. Ich bevorzuge statt dessen den Ansatz, dass man verschiedene Regionen in ihrem eigenständigen Beitrag für die Grundlinien der kulturellen Entwicklung der Menschen prüfen sollte. Vielleicht ist der riesige afrikanische Kontinent die Wurzel dieses Prozesses, während Europa bisher die Situation hat, dass es zu plötzlichen Veränderungen kam, als die modernen Menschen über den Kontinent wanderten...“ Zur asiatischen Fundsituation führt Conard aus: „Heute rückt durch die systematische Forschung einschließlich sorgfältiger Ausgrabungen und hochmoderner Analysen die ostasiatische Fundsituation immer zentraler in die internationale Forschung vor. Es gibt jeden Grund zu glauben, dass sich dieser Trend fortsetzen wird, so dass wir in den nächsten Jahren und Jahrzehnten erwarten können, dass die ostasiatische Fundsituation für die Steinzeit eine zentrale Rolle spielen wird“ (S.22)

Zu deinen Ausführungen zur afrikanischen Eva-Theorie hatte ich bereits ausgeführt, wie haltlos aus genetischer, statistischer und archäologischer Sicht die „Out-of-Africa“-1-Theorie gewesen ist. Dem möchte ich nichts hinzufügen, zumal du keine neue Beweise lieferst. Diese „Eva-Theorie“ wird so heute nicht mehr vertreten.

Sehr begrüßen möchte ich deine Schlussbemerkungen: „Allfällige Klärungen in der Paläoanthroplogie sind auch insofern notwendig, als sie heuer in rechten Kreisen weiterhin eine wichtige Rolle spielt. Vor allem aber setzte sie in der Vergangenheit äußerst negative Bezugspunkte zur Rassentheorie, damit verbunden zu Kolonialismus und Imperialismus“. Vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Polarisierung und der Rechtsentwicklung der Regierung ist es heute auch in der Urgeschichtsforschung wieder möglich, reaktionäre Thesen und Rassismus zu verbreiten. Es werden Korrelationen von „Gen“ und „Deutsche“ versucht herzustellen (zitiert in „Scobel“, 3sat, 14.4.16). Der Ultrareaktionär Thilo Sarrazin spricht offen von „jüdischen“ oder „baskischen“ Genen. In der Mai-Titelstory von „bild der wissenschaft“ wird ohne jeden Beweis in kapitalistischer Gewaltmanier davon gesprochen, dass im Genom „ein Gemetzel“ stattgefunden habe. Dabei unterlag angeblich der Neandertaler, wenn er sich mit dem modernen Menschen vermischte. Der Neandertaler-Mann habe daher die ersten Massenvergewaltigungen der Menschenfrauen in der Geschichte durchgeführt. Der thüringische AFD-Chef Höcke sorgte im März für einen Skandal, weil er in rassistischer Weise behauptet hatte, dass heute „der lebensbejahende afrikanische Auswanderungstyp auf den selbstverneinenden europäischen Platzhalter“ trifft. Auch wenn wir verschiedene Ansätze verfolgen, eint uns doch offensichtlich die gemeinsame Sorge wegen dieser rassistischen Tendenzen und die Notwendigkeit, die antifaschistische Aufklärungsarbeit zu verstärken.

In diesem Sinne antifaschistische Grüße
Reiner

Re: Ursprung des Menschen

Abgeschickt von rene G am 13.05.2016 17:08
Wenn es zugegebenermaßen auch nur eine totale Nebensache in der Diskussion hier ist, möchte ich es doch trotzdem ansprechen:

Was bedeutet "Ab 14.000 vor heute"?

Ich vermute einfach mal, dass mit "vor heute" das eigentlich allgemein übliche "vor unserer Zeitrechnung" gemeint ist. An dieser allgemein üblichen Formulierung dürfte ja wohl kaum etwas anstößiges sein, auch wenn z.B. nach mohammedanischem Kalender noch nicht das Jahr 2016 ist (diese Zeitrechnung begann nach "unserer" Zeitrechnung im Jahr 622) und es dürfte ja sinnvoll sein, diese allgemein üblichen Termini gerade in wissenschaftlichen Abhandlungen auch zu verwenden.

Re: Ursprung des Menschen

Abgeschickt von Heinz am 19.05.2016 13:59
Renés Frage zur Zeitrechnung

Die Frage lässt sich nicht eindeutig beantworten. Bezüglich des archäologischen Zusammenhangs der Aussage gibt es mindestens zwei mögliche Lesarten:

Nr. 1: Es handelt es sich um einen Zeitpunkt vor ca. 14000 Jahren, gerechnet ab etwa der Veröffentlichung des Textes, also eigentlich rund 12000 Jahre v. u. Z. Hier ist die Gesamtlänge des Zeitraumes betont.

Nr. 2: Es geht um eine Radiokohlenstoffdatierung von Funden, die das Ereignis anzeigen. Den Beginn dieser Skalierung setzt man mit dem 01.01.1950 an, da die Methode um diese Zeitläufte herum entwickelt wurde. So soll vor allem eine relativ hohe Genauigkeit herausgestellt werden.

Gruß
Heinz

Re: Ursprung des Menschen

Abgeschickt von Reiner am 19.05.2016 16:22
Antwort auf Beitrag von Rene G (13.05.16)

Lieber Rene,
Ich möchte die Antwort von Heinz nochmal bestätigen:
„Vor heute“ bezieht sich nicht auf eine absolute Altersangabe. Gemeint ist damit das durch die Radiocarbondatierung – die „C14–Methode“ – gewonnene Alter. Dabei macht man sich die Tatsache zunutze, dass mit dem Tod eines Menschen, Tieres oder einer Pflanze der Stoffwechsel endet und keine neuen Kohlenstoff-Isotope mehr in den Organismus eingebaut werden. Das noch vorhandene radioaktive Isotop C14 zerfällt mit einer bestimmten Halbwertszeit, so dass sein Anteil gegenüber der Normalform C12 abnimmt. Als Bezugspunkt der nun folgenden Altersbestimmung wurde international das Jahr 1950 gewählt. Bis zu 50.000 Jahre kann man mit der Radiocarbonmethode in die Vergangenheit schauen.

In unserem Beispiel bedeutet „ab 14.000 vor heute“ in die absolute Zeitrechnung umgerechnet daher „ab 12.050 vor unserer Zeitrechnung“.

Vielen Dank für deine Nachfrage.

Herzliche Grüße
Reiner

Re: Ursprung des Menschen

Abgeschickt von rene G am 21.05.2016 22:01
Q Heinz und Reiner

Danke :)

Re: Ursprung des Menschen

Abgeschickt von Rene-G am 29.05.2016 16:08
Ein durchaus interessanter Artikel bzgl. der Neandertaler und ihrer Art zu leben

http://www.sz-online.de/nachrichten/wissen/die-tropfsteinkreise-der-neandertaler-3403872.html

Re: Ursprung des Menschen

Abgeschickt von Heinz am 08.06.2016 20:24
Die Mühen der Ebenen

Je mehr Reiner über den polyzentristischen Ursprung des Menschen schreibt, desto dunkler wird mir dieser. Ebenso wenig komme ich mit dem Weidenreichschen Gitter zurecht.

Multiregionalisten wie Wolpoff oder Coppens sind doch wenigstens schon, was den Homo erectus angeht, auf Afrika eingeschwenkt. Woher sonst sollte der letztlich herkommen? Nur dort gab es Hominiden und konnten sich die Linien in Pan und Homo verzweigen.

Wu Xinshi hingegen, den Reiner als Mitstreiter aufruft, proklamiert weiterhin einen ostasiatischen Sonderweg in der menschlichen Evolution. Er spricht von „individuellen Mustern, die Mosaiken einfacher und abgeleiteter Merkmale enthalten, die zu früh erscheinen, als dass sie übereinstimmten mit einer Ersetzung der ursprünglichen Populationen durch Menschen von außerhalb der Region.“ (K. R. Rosenberg / X. Wu: A River Runs through It: Modern Human Origins in East Asia) Hier wird ein sehr hoher Grad an Kontinuität behauptet. Dies verweist auch auf Weidenreich und seine Ausführungen zum Sinanthropus 1943.

Inzwischen wird in chinesischen Publikationen der Begriff Homo sapiens erectus oder vereinfacht dafür gleich Homo sapiens gebraucht. So leicht lösen sich Probleme.

Nochmals: Diese Kontinuität lässt sich aber weder durch Fossilien noch durch genetische Tatbestände festmachen. Toetik Koesbardiati prüfte 256 weltweite Individuen sowie komplette Schädel. Sie stellte, wie bereits Kamminga, Wright oder Mirazón-Lahr bei ähnlichen Untersuchungen, fest: „Insgesamt kann durch diese Studie keine graduelle Evolution oder regionale Kontinuität der Gesichtsmorphologie zwischen dem chinesischen Homo erectus, dem frühen Homo sapiens und den rezenten [= heutigen] Chinesen belegt werden.“ (On the relevance of the regional continuity features of the face in East Asia, 2000)

Nicholas Conard als Zeugen für die polyzentristische Theorie der Herkunft des Homo sapiens heranziehen zu wollen, geht fehl. Er vertritt zwar die Idee einer ‘Mosaikartigen Polyzentrischen Modernität’ - MPM, aber eben im Hinblick auf kulturelle Entwicklung. So schreibt er: „Das MPM-Modell legt nahe, dass die Suche nach einem einzigen Ursprung der kulturellen Modernität ein vergebliches Unterfangen ist...“ (N.J. Conard: A critical View of the Evidence for a Southern African Origin of Behavioural Modernity, 2008)

Gegen die Auffassung einer vielfältigen kulturellen Entwicklung beim Homo sapiens lässt sich kaum etwas Grundsätzliches einwenden. Wir bewegen uns dabei jedoch auf einer ganz anderen wissenschaftlichen Ebene. Das vergisst Reiner im Eifer des Gefechts.

Gruß
Heinz

Re: Ursprung des Menschen

Abgeschickt von Rene-G am 09.06.2016 15:03
Die Diskussion hier um den Ursprung des Menschen liest sich ja sehr interessant, mir persönlich ist manches von dem hier geschriebenen offen gestanden inzwischen zu hoch.

Was nun den Ursprung betrifft, da schreibt Heinz hier am 8.6.:

"... Afrika (...) Woher sonst ...?"

und diese Aussage haben wir ja in verschiedener Formulierung schon mehrfach hier vorliegen.

Ein "... ostasiatischen Sonderweg in der menschlichen Evolution ..." scheint nach wie vor für unmöglich erklärt zu werden.

Abgesehen davon, dass ich mich am Begriff "Sonderweg" störe (wenn es auch dort eine evolutionäre Entwicklung aus dem Tierreich zum Menschen gab, dann war das ein Parallelweg und kein Sonderweg), scheint mir - wenn ich das auch nur halbwegs verstanden habe, was hier dazu geschrieben wird - das einzige wirkliche Argument gegen eine Entwicklung des Menschen aus dem Tierreich in Ostasien das zu sein, dass es da keine entsprechenden archäologischen Funde gibt.

Stellt sich die Frage: ist es für euch wirklich der BEWEIS dafür, dass es etwas nicht gibt, nur weil NOCH keine archäologischen Funde gemacht wurden?
(Als Vergleich: Wirklich entdeckt wurde bisher noch kein außerirdisches Leben, geschweige denn eine auf andern Planeten beheimatete Intelligenz. Ein Beweis dafür, dass es das nicht gibt, ist das aber nicht.)

Ein Blick ins Tierreich sollte doch genügen, um die Entwicklung auch in Ostasien nicht ganz auszuschließen:
In Afrika hat der Gorilla in Bezug auf Sozialverhalten etc. ausgesprochene Ähnlichkeiten zum Menschen.
In Ostasien trifft das mit den Ähnlichkeiten sehr sehr stark auf den Orang-Utan zu.
In sozialem Verhalten, in Lernfähigkeit, in Kreativität.


"... Inzwischen wird in chinesischen Publikationen der Begriff Homo sapiens erectus oder vereinfacht dafür gleich Homo sapiens gebraucht. So leicht lösen sich Probleme. ..."
Das löst gar nichts. Das klingt für mich eher nach dem einfachsten Weg nach dem Motto: "wir nennen das jetzt einfach so und dann haben wir unsere Ruhe"



Am interessantesten ist allerdings für mich, dass hier nun seit Wochen immer wieder mal Beiträge zu diesem hochwissenschaftlichen Thema auftauchen. (Was ich nicht schlecht finde, interessant ist es ja doch)
Aber vor einer Woche ungefähr hab z.B. ich mal hier einen Beitrag zu den Unwettern in Deutschland und Asien geschrieben. Weil das ein Thema war bzw, ist, das tatsächlich von Leuten in Betrieben und auf der Straße diskutiert wird. Und was da diskutiert wird, das habe ich in dem Beitrag auch geschrieben. Scheint hier keinen zu interessieren, obwohl das - im Gegensatz dazu, ob der Mensch nun aus Afrika oder Asien oder beiden stammt - eine tatsächliche Massendebatte um aktuelle Probleme bzgl der Zukunft der Menschheit ist und was für mich auch einen teil der Strategiedebatte im Kampf um die Einheit von Mensch und Natur darstellt. Nämlich, wie dort geschrieben, die konkreten unterschiedlichsten Argumente von Leuten zu den aktuellen Fragen, über die man sich m.E. austauschen sollte.

Re: Ursprung des Menschen

Abgeschickt von Heinz am 10.06.2016 18:27
Renés Einwände finden mein Verständnis. Woran liegt die verfahrene Lage?

Es findet seit Jahrzehnten eine Art Grabenkrieg zwischen den Verfechtern der Multiregionalismus- und der Out-of-Africa-Hypothese statt. Er kann zum jetzigen Zeitpunkt nicht völlig eindeutig entschieden werden. Nichtsdestotrotz kann man die Befunde abwägen.

Maßgeblich für meinen Standpunkt war das Erkenntnishindernis, das die Multiregionalen vor sich hertragen: die Unterschätzung oder Missachtung der reichen Funde in Afrika und im Nahen Osten. Angesichts ständiger Weiterentwicklungen in der Genetik usw. sollte niemand auf dem Stand zu Zeiten Weidenreichs verharren.

Franz Weidenreich hatte damals mit Teilhard de Chardin archäologisch Wertvolles in Asien geleistet. Afrika hingegen war zum großen Teil noch ein dunkler Kontinent für die Spatenwissenschaft. Aber mit den Ausgrabungserfolgen wurden Schneisen geschlagen für neue Blickwinkel. Es bahnte sich ein Bruch mit dem Polyzentrismus an. Und dies erforderte jenen Paradigmawechsel, den schließlich Stringer, Bräuer und andere einleiteten.

Wenn sich Reiner mit seiner ‘dialektisch-materialistischen Sicht’ diesem entgegenstemmt, dann zweifle ich an seiner Methodenvorgabe. Diese scheint mir nicht vereinbar mit einer geschichtsmaterialistischen Herangehensweise, da sie zentrale Veränderungen nicht wirklich zur Kenntnis nimmt. Das dann noch mit der Bezeichnung ‘bürgerlich’ für die gegnerische Hypothese zu kaschieren, finde ich unredlich.

Was Renés Bemerkung zum Orang-Utan angeht, so kann dieser als möglicher Vorläufer des Homo ausgeschlossen werden, da sich seine evolutionäre Entwicklung schon früh von der des Menschenaffen trennt. Der Gorilla scheidet ebenfalls aus. Er gehört zwar zu den letzteren, zweigt aber als Erster innerhalb dieser Richtung ab. Später treten Schimpanse und Mensch auseinander. Es gab sogar schon die Vorstellung, aus einigen Affenarten - Orang-Utan, Gorilla, Schimpanse - hätten sich drei getrennte Menschenrassen entwickelt.

Meine Bemerkung ‘So leicht lösen sich Probleme’ war ironisch gemeint. Wer die Begriffe im Kopf mit der idealistischen Dampfwalze plattmacht, hat draußen im Feld immer noch dieselbe Fundsituation. Der Ausdruck ‘Sonderweg’ fiel in sarkastischer Absicht; ich frage mich nämlich, was die heutigen chinesischen Forscher mit all dem bezwecken.

Gruß
Heinz
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